
Nach der Bekanntgabe von Wales’ 39-köpfigem Aufgebot für die Nations-Championship-Tests im November zeigt sich: Die grossen Gewinner von Steve Tandys Selektion sind die drei Uncapped-Spieler Rhys Barratt, Che Hope und Aneurin Owen. Der Cheftrainer lobte das Trio ausdrücklich. Hier sind die wichtigsten Gewinner und Verlierer der Nomination.
Das Uncapped-Trio
«Che ist ein richtig aufregendes Talent und war für die Dragons herausragend», sagte Tandy. «Rhys spielt konstant, er ist ein junger Loosehead, der nachrückt. Er ist auf dem ganzen Feld stark und fussballerisch sehr begabt.»
«Aneurin ist so konstant; man muss einfach anschauen, was er Woche für Woche leistet», fügte er an. «Ich habe mit vielen Leuten über ihn gesprochen, über seine Konstanz und seine Arbeitseinstellung.»
«Für diese Jungs ist es eine richtig spannende Gelegenheit, den nächsten Schritt zu machen, und für uns Trainer, mit ihnen zu arbeiten.»
Die Selektionen passen zu Tandys Anspruch, den Kader laufend weiterzuentwickeln und auf dem Fortschritt seiner bisherigen Amtszeit aufzubauen. Gleichzeitig stopfen sie wichtige Lücken. Mit Barratt erhält Wales einen weiteren vielversprechenden Loosehead für den wachsenden Pool auf dieser Position. Das kommt zu einem Zeitpunkt, an dem es auch Fragezeichen um Rhys Carre gibt. Hope bietet zudem eine weitere starke Option auf der Gedrängehalb-Position, damit Wales langfristig weniger von Tomos Williams abhängig ist. Owen stösst zu einer Zeit dazu, in der beide Centerpositionen offen sind und Ben Thomas verletzt fehlt.
Die Form bei Cardiff und den Dragons rechtfertigte die Aufgebote, es ist aber auch clever gedacht von Tandy.
Die Rückkehrer nach Verletzungen
Das Quintett Liam Belcher, Tomas Francis, Archie Griffin, Louie Hennessey und Dafydd Jenkins kehrt zurück, nachdem es die Tests im Juli verletzungsbedingt verpasst hatte. Für Tandy kommt das zur rechten Zeit. Belcher, Francis und Griffin erhöhen die Tiefe in der ersten Reihe, während Wales die Grundlagen im Standardspiel aufbauen will, vor allem im Gedränge. Jenkins bringt zudem seine Führungsqualitäten ein, an der Seite der Anführer Jac Morgan und Dewi Lake.
Am interessantesten ist wohl Hennessey. Der 22-jährige Bath-Back hat in dieser Saison wegen derselben Verletzung, die ihn schon die Mitte-Jahr-Tests kostete, noch nicht gespielt. Trotzdem verleiht er Wales’ Angriff eine ganz andere, spannende Dynamik. Seine Grösse bringt zusätzliche Wucht in die Hintermannschaft, was gut zu Spielern wie Eddie James passt. Weil er zwischen Center und Flügel pendeln kann, gewinnt Tandy zudem Flexibilität in der Selektion. Auch vom Alter her passt Hennessey: Er könnte sich langfristig einen Platz sichern und zu einem wichtigen Spieler der Gruppe werden.
Die Zurückgeholten
Tandy hat zudem Taine Basham, Seb Davies und Rio Dyer nach langer Abwesenheit wieder ins Test-Team geholt.
«Sehr, sehr beeindruckt», sagte er über Back-Rower Basham. «Ich fand Taine am Ende der letzten Saison richtig stark, und er hat sich weiterentwickelt. Ich habe gegen Ende des letzten Jahres mit ihm gesprochen, weil er wohl Pech hatte, nicht im Kader zu sein, aber wir haben viel Tiefe in der Hintermannschaft des Gedränges. Es freut mich aber sehr für Taine; er ist ein toller Charakter, und es ist eine grosse Chance für ihn.»
«Rio hat sein Feedback angenommen, dazu kommen einige Dinge bei seinen Luftduellen und seiner Laufarbeit, die wir uns angeschaut haben», ergänzte er zu Dyer. «Er hat die Rückkehr absolut verdient.»
Alle drei verbrachten lange Zeit abseits der Test-Bühne. Bashams letztes Länderspiel war an der Rugby-Weltmeisterschaft 2023, Dyer spielte zuletzt 2025 im Test gegen Südafrika, und Davies trug das rote Jersey zuletzt bei der Six Nations 2022. Dennoch besetzen sie wichtige Schlüsselpositionen. Basham erhöht die Tiefe in einer ohnehin starken Back-Row, Davies bringt zusätzliche Grösse und Masse in die Reihe der Lock-Spieler, und Dyer gibt Tandy aussen einen Extraschuss Tempo.
Kehren sie ins Team zurück und überzeugen, könnten sie sich festspielen. Genau das dürfte Tandy anstreben.
Rhys Carre
Aufgrund seiner Qualität und seines Einflusses wäre Carre normalerweise ein gesetztes Mitglied des erweiterten Kaders. Er hat in dieser Saison wegen einer Oberschenkelverletzung aber noch kein Spiel bestritten. Dass er trotzdem dabei ist, zeigt wohl, wie wichtig er für das Team ist. Es spiegelt seine Stellung in Tandys Planung wider, jetzt und mit Blick auf die Weltmeisterschaft im nächsten Jahr.
Carre hilft nur, wenn er auch aufs Feld kommt. Dann könnte er Wales in der bevorstehenden Kampagne einen echten Schub verleihen.
Die Dragons
Lob gibt es für die Dragons, deren vielversprechender Saisonstart mit sechs Nominationen belohnt wird.
Die letzten Jahre waren für das Team aus Newport nicht einfach. Doch mit zwei Siegen, einem Unentschieden und einer Niederlage aus den ersten vier Spielen in allen Wettbewerben haben sich mehrere Spieler ins Test-Aufgebot gespielt. Ohne den starken Saisonstart wäre das möglicherweise nicht passiert.
Das dürfte Filo Tiatia freuen.
Tommy Reffell
Eine der überraschenderen Auslassungen ist der formstarke Leicester-Spieler Tommy Reffell. Er hat sich offenbar im Klubeinsatz eine Verletzung zugezogen.
«Tommy steht uns verletzt nicht zur Verfügung, deshalb ist er nicht in der Selektion», erklärte Tandy. «Die Physios sprechen mit Leicester, deshalb ist die Lage im Moment etwas unklar.»
Für den Cheftrainer ist das ein schwerer Schlag, denn Reffell war glänzend in die neue Saison gestartet. Der Tigers-Flanker gehört in der PREM zu den herausragenden Back-Rowern, ebenso wie sein Klubkollege und Wales-Kadermitglied Aaron Wainwright. Erneut zeigte er sich als überragende Jackal-Bedrohung, die ihn überhaupt erst ins Test-Bild gebracht hatte.
Wales kann den Verlust dank der prall gefüllten Back-Row abfedern. Unbestritten bleibt aber: Mit Reffell wäre das Team noch stärker.
Taulupe Faletau
Auch Taulupe Faletau verpasste das Aufgebot unglücklich, doch Tandy betont, dass er nicht abgeschrieben sei.
«Toby war fairerweise schon eine Weile weg, aber es ist erstaunlich, was er kann», sagte der Cheftrainer. «Wir schliessen langfristig niemanden aus, aber es war toll, ihn zurück zu sehen.»
Der Cardiff-Forward kehrte erst an diesem Wochenende nach langer Pause aufs Feld zurück. Tandy scheint ihm deshalb Zeit zu geben, ein paar Spiele am Stück zu bestreiten, bevor er ihn wieder einbindet. Er hat allerdings sowohl Hennessey als auch Carre aufgeboten, die in diesem Jahr noch gar nicht gespielt haben. Angesichts von Faletaus Verletzungsgeschichte wirkt die Entscheidung für den Moment aber richtig.
Olly Cracknell
Zu den unglücklicheren Auslassungen gehört Olly Cracknell, gerade angesichts seiner Form bei den Tigers. Er war bei Leicester in der Back-Row erneut ein Aushängeschild, ob auf der Sechs oder der Acht. Mit seinem Ballvortrag wurde er zum Dreh- und Angelpunkt im Nahbereich und verlieh der Verteidigung zusätzliche Wucht. Zweifellos hätte er das im November auch für Wales getan.
Er ist aber wohl ein Opfer der grossen Tiefe in der Back-Row. Mit Wainwright, James Botham und Kane James können mehrere Spieler ebenfalls die Acht abdecken.
Macs Page
Der 21-jährige Scarlets-Spieler zählt derzeit zu den spannendsten Talenten im walisischen Rugby. Auf sein erstes Länderspiel muss er aber noch warten, da er es nicht in den Kader schaffte. Eine Nomination hätte durchaus Sinn gemacht: Er ist mit vier Versuchen in vier Einsätzen auf dem Flügel gut in die Saison gestartet. Weil er auch im Center aushelfen kann, würde er Tandy zusätzliche Flexibilität bieten. Tandy hat in seiner Aussenverteidigung aber derzeit gute Optionen, sodass Page sich noch etwas gedulden muss.
Sein erstes Länderspiel wird er in naher Zukunft sicher bestreiten.
Elliot Dee
Trotz glänzender Form zum Saisonstart verpasst Elliot Dee das erste Wales-Aufgebot. Wie gut er drauf ist, zeigt ein Blick auf die Statistik: Mit fünf Versuchen in drei Spielen führt er die URC-Torjägerliste an, Zahlen, auf die ein Flügel stolz wäre, geschweige denn ein Hooker. Tandy gibt diesmal aber anderen eine Chance.
Auf der Hooker-Position dominiert der überragende Lake, einer der besten der Welt auf dieser Position. Um die Plätze dahinter gibt es fast ein Shootout, und Dee fällt aus dieser Gruppe leider knapp heraus.